MZ 25.12.2010 Wie Menschen ohne Geld Weihnachten feiern

Wie Menschen ohne Geld Weihnachten feiern

MÜNSTER Seit elf Jahren gibt es in Münster eine Tafel. An 26 Verteilstellen werden mittlerweile mehr als 11.000 Menschen regelmäßig versorgt. Wie feiern die Menschen, die sich hier mit Lebensmitteln únd Kleidung verorgen müssen, Weihnachten? Wir erzählen die Geschichte von Betroffenen.

Kein Weihnachtsbaum, keine Weihnachtsdekoration, keine Geschenke. „Nicht schlimm“, sagt Manfred Rosenkranz. Er verbringe die Weihnachtstage ohnehin allein zu Hause. Zu Hause bei seinen 400 Büchern. „Viele Bücher habe ich bei der Tafel bekommen.“
Der 58-Jährige ist Frührentner. Eine Psychose („Die habe ich von meiner Zeit als Unteroffizier bei der amerikanischen Armee in Westberlin“) und schwere Diabetes – da ist an Arbeit nicht zu denken. 695 Euro bekommt er als Rente. 362 Euro gehen für die Miete seiner 38 Quadratmeter großen Wohnung drauf, 160 Euro für Essen auf Rädern.

Seit Jahren allein


„Ich habe gar keinen eigenen Herd. Ohne die Tafel und meinen Bruder, der mich finanziell unterstützt, käme ich nicht über die Runden.“ Seit Jahren feiert Manfred Rosenkranz Weihnachten alleine. Dabei ist der 58-Jährige ein geselliger Mensch. Er singt im Kirchen-Chor, er spielt Badminton und er geht regelmäßig zur Tafel. „Viele kommen nicht nur wegen der Lebensmittel“, sagt Reinhold Hammer und klopft Manfred Rosenkranz auf die Schulter.

Schuhe für Manni

„Manni, es sind Schuhe abgegeben worden. Die könnten dir passen.“ Manfred Rosenkranz strahlt noch ein bisschen mehr, zieht seine blaue Wollmütze vom Kopf („Die habe ich für 50 Cent auf dem Flohmarkt gekauft“) und schlüpft in die braunen Sportschuhe.
MÜNSTER. Töfte ist sein Lieblingswort. Joghurt ist töfte, Advent ist töfte und die Leute bei der Tafel sowieso. „Die sind hier wie ein Sechser im Lotto“, sagt Manfred Rosenkranz, schaut die Ehrenamtlichen der Verteilerstation der Tafel in der Hammer Straße an und strahlt. Manfred Rosenkranz lacht viel und gerne – und dass, obwohl Weihnachten für ihn auch in diesem Jahr praktisch ausfällt. Das Geld – es reicht nicht.

Ehrenamtlich seit elf Jahren

Seit elf Jahren arbeitet Reinhold Hammer ehrenamtlich für die Tafel in Münster. „Eine gewisse soziale Ader muss schon sein, sonst macht man so was nicht.“ Man – das sind die 16 Ehrenamtlichen, die sich bis zu zwei Mal in der Woche in den kahlen Raum im Pfarrheim stellen, Nummern ausgeben und dann große Plastikkisten mit Lebensmitteln füllen. „Jeder soll das Gleiche bekommen“, sagt Hammer.

Es geht um Menschenwürde

400 Menschen haben er und seine Kollegen in den vier Jahren, seitdem es die Ausgabestation an der Hammer Straße gibt, mit Lebensmitteln, Sachspenden und warmen Worten versorgt.
Es geht um Menschenwürde, es geht um lebenswertes Leben, es geht darum, da zu sein, wenn jemand sein Herz erleichtern will. „Was wir hier hören, damit könnte ich ganze Bücher füllen“, sagt die Ehrenamtliche Ute Beckhove und hilft einer dunkelhaarigen Frau die Joghurtbecher unfallfrei in ihren Korb zu stellen.

Die Kinder, die Kinder

Ein Baby, elf Monate, wartet zu Hause auf die Dunkelhaarige, drei große Jungs sind schon aus dem Haus. „Weihnachten?“, fragt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will („Meine Kinder wissen nicht, dass ich zur Tafel gehe“). „Weihnachten gibt es bei uns nur im kleinen Rahmen.“ Gottesdienst und Weihnachtsbaum – das dürfe nicht fehlen, schließlich sei sie aus Polen und streng katholisch erzogen worden. Aber Geschenke? „Die Großen bekommen Bücher, das Baby auch eine Kleinigkeit, aber mein Mann und ich schenken uns nichts.“

Hartz IV und die Hoffnung

Ihr Mann bekomme Hartz IV, für sie ende jetzt die Elternzeit. „Ich hatte einen befristeten Arbeitsvertrag, der läuft jetzt aus.“ Die Dunkelhaarige sucht einen neuen Job, bislang vergeblich. „Aber das wird schon.“ Die Hoffnung auf ein besseres Leben – sie füllt den kargen Raum.

Herzliche Kleinigkeiten

„Hier kommt keiner hin, wenn er nicht unbedingt muss“, sagt Reinhold Hammer. Die Scham, Hilfe anzunehmen, sich einzugestehen, dass das Geld nicht reicht – sie ist alltäglich. „Ohne meine Nachbarin wäre ich nie hier hin gegangen“, sagt Ullah Naeem.
Der Pakistani war früher mal Koch. Jetzt ist er arbeitslos, hat eine kaputte Hüfte und drei kleine Kinder zu Hause. Er ist Muslim, da ist Weihnachten nicht so wichtig, aber die Kinder wünschen sich trotzdem Geschenke. „60 Euro für ein Spielzeug, das ist nicht drin.“
Stattdessen wird seine Frau in den Discountern nach Schnäppchen suchen.

Nur Kleinigkeiten

Ein Buch, ein günstiges Stofftier –  Kleinigkeiten. „Aber was wir verschenken, das verschenken wir mit viel Liebe“, sagt Ullah Naeem und seine dunklen Augen leuchten warm. Auch Manfred Rosenkranz will seinem Bruder wenigstens eine kleine Freude machen. „Er bekommt eine Flasche Wein.“ Er selber trinkt seit fünf Monaten keinen Tropfen mehr. Die eine Flasche, sie steht seitdem im seinem Schrank, zwischen den 400 Büchern.

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